Brachyzephalie als Qualzuchtmerkmal

Genetische Aspekte und die Verantwortung der Zucht

Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) beeinträchtigt zahlreiche Lebensfunktionen. Hunde, die durch dieses Merkmal gekennzeichnet sind, leiden an den unterschiedlichsten Symptomen, die zu einer massiven Einschränkung der Lebensqualität führen. Das ist aber kein unentrinnbares Schicksal, denn Brachyzephalie ist keine Krankheit, sondern sozusagen hausgemacht: ein vom Menschen bewusst und gewollt gezüchtetes Merkmal bestimmter Hunderassen, das durch entsprechende Auswahl der Zuchttiere in Extreme gesteigert wurde, die die Grenzen der normalen Variabilität der Kopfform weit überschreiten. Der Ursprung der übertriebenen tierschutzrelevanten Brachyzephalie liegt in verfehlten Schönheitsidealen und Zuchtstrategien. „mein HAUSTIER“ sprach mit der Genetikerin Prof. Dr. med. vet. Irene Sommerfeld-Stur über die genetischen und züchterischen Aspekte der gesundheitlichen Probleme, mit denen Hunde brachyzephaler Rassen tagtäglich auf Kosten ihrer Lebensqualität kämpfen müssen.

mein HAUSTIER: Frau Professor Sommerfeld-Stur, Brachyzephalie ist in ihrer extremen Ausprägung Ergebnis züchterischer Selektion und gleichzeitig eines der schwerwiegendsten Qualzuchtmerkmale. Welche Probleme führen zu dieser Einordnung?

Prof. Dr. Irene Sommerfeld-Stur: Das größte Problem für die betroffenen Hunde ist mit Sicherheit die beständige Atemnot, darüber muss man nicht diskutieren! Man stelle sich nur vor, man würde selbst ein Leben lang mit einem Schnupfen und zugeschwollener Nase herumlaufen und ununterbrochen nach Luft ringen müssen. Der Hund ist ein obligater Nasenatmer. Das heißt, dass er zwar durch das Maul atmen kann, den Fang dazu aber aktiv öffnen muss, was natürlich nur im wachen Zustand und nicht im Schlaf möglich ist. Folglich können diese Hunde niemals richtig schlafen und entspannen, weil sie ohne die bewusste Atmung durch das Maul zu ersticken drohen.
Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist die Temperaturregulation. Hunde regeln ihre Körpertemperatur über das Hecheln und damit über die Schleimhaut der Nasenmuscheln, die wie ein Kühl-Akku wirkt. Wenn die Oberfläche dieses Akkus nun extrem reduziert ist, besteht die große Gefahr der Überhitzung. Das ist natürlich insbesondere in den heißen Sommermonaten ein gravierendes Problem, so dass selbst normale Spaziergänge im Sommer enorm eingeschränkt sind.
Speziell bei den Bulldoggen ergeben sich zudem schwerwiegende Geburtsprobleme: Mit der Brachyzephalie wird der Kopf breiter. Zudem haben diese Hunde breite Schultern und werden nach hinten immer schmäler. Während des Geburtsvorganges kann der breite Kopf aber das schmale Becken kaum mehr passieren, was in nahezu 100% der Fälle zu einem Kaiserschnitt führt. Ohne die Hilfe der Tiermedizin wären diese Rassen bereits ausgestorben. Darüber hinaus bereiten nicht nur die Schleimhautfalten im inneren eines brachyzephal verformten Schädels Probleme, sondern auch die Hautfalten außen, die Bakterien und Pilzen ideale Lebensbedingungen bieten und oftmals zu einer Dermatitis (Hautentzündung) führen können. Hinzu kommen häufige Bindehautentzündungen, ein erhöhtes Narkoserisiko usw. Das alles sind Faktoren, die einem Hund kein wirklich schönes Leben bescheren.

Was ist der aktuelle Stand in der Zucht betroffener Rassen? Was wird gegen diese Problematik getan?

Einige Zuchtverbände haben Belastungstests eingeführt, die für die Zuchtzulassung absolviert werden müssen. Erfolge dieser Bemühungen sind sehr schwer zu erfassen. Manche Züchter versuchen, die verlorengegangene Varianz (Veränderlichkeit) der Nasenlänge durch Einkreuzung wieder zu erweitern. Das ist beim Retromops der Fall, der durch Kreuzungen zwischen Mops und Parson Russell Terriern entstanden ist. Andere Züchter wie die des Altdeutschen Mopses versuchen, die noch vorhandene Varianz auszunützen, um ihren Möpsen zu einer etwas längeren Nase zu verhelfen. Diese Zuchtprogramme finden aber außerhalb der großen Zuchtverbände statt.

Auf züchterischer Ebene versucht man somit, das Problem vom äußeren Erscheinungsbild des Hundes ausgehend zu lösen. Was steckt molekulargenetisch hinter der Brachyzephalie? Weiß man heute schon etwas über die genetischen Mechanismen, die dazu führen?

Das Brachyzephalie-Gen gibt es natürlich nicht, aber verschiedene Arbeiten der letzten Jahre konnten einige Gene zeigen, die mit der Brachyzephalie assoziiert sind. Sicher ist, dass diese körperlichen Merkmale eine hohe Heritabilität, also eine hohe Erblichkeit haben. Je höher die Heritabilität ist, desto besser und schneller lässt sich das entsprechende Merkmal züchterisch bearbeiten. Um eine Nase weg zu züchten, braucht es nur wenige Generationen.

Würde es dann im Gegenzug auch nur wenige Generationen benötigen, um die Nase wieder anzuzüchten?

Nein, in die andere Richtung funktioniert es so nicht! Mit einer derart extremen Zucht in die eine Richtung sind natürlich sehr viele Gene verloren gegangen, und wenn die Gene, die für eine normale Schädelform kodieren, erst einmal weg sind, dann sind sie weg. In dieser Situation wird es dann schwierig, durch Selektion noch eine Verbesserung zu erreichen, denn selektieren bzw. etwas rückgängig machen kann man nur, solange noch eine gewisse Vielfalt an Genen vorhanden ist. Leider ist es den wenigsten Züchtern bewusst, dass vieles von dem, was sie tun, irreversibel ist – es sei denn, man öffnet sich der Möglichkeit der Einkreuzung wie beispielsweise beim Retromops.

Dass einige der brachyzephalen Rassen derzeit zu den Moderassen zählen, vereinfacht die Situation nicht gerade. Warum sind brachyzephale Rassen trotz aller Probleme so beliebt? Ist das wirklich nur das immer wieder zitierte Kindchenschema?

Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen domestikationsbedingten Verhaltensänderungen und einer Verkürzung des Gesichtsschädels, den man schon sehr früh in der Domestikationsgeschichte als moderate Varianz beobachten konnte. Eine Arbeit aus dem Jahr 2002 konnte nachweisen, dass der Neurotransmitter Serotonin, der bei domestizierten Hunden einen höheren Spiegel aufweist und die Aggressionsbereitschaft senkt, auch an der Entwicklung der Schädelknochen beteiligt ist und deren Wachstum reguliert. Zudem könnte eine Verkürzung des Schädels die Kommunikation mit dem Menschen verbessern. Aktuelle Studien zeigen, dass kurzköpfige Hunde die menschliche Körpersprache möglicherweise besser wahrnehmen, da sie Zeigegesten besser folgen können. Ein Grund dafür könnte sein, dass bei brachyzephalen Rassen die Ganglienzellen (bestimmte Nervenzellen) auf der Retina ähnlich wie beim Menschen zentral angeordnet sind, was ein besseres Scharfsehen auf kurze Distanzen ermöglicht. Das sind natürlich Vorteile, aber man muss immer die Grenzen der normalen Variabilität im Blick halten. Boxer beispielsweise sind auch kurzköpfige Hunde, ohne von der ganz großen Problematik der Brachyzephalie betroffen zu sein, aber die extremen Ausformungen wie beim Mops oder der französischen Bulldogge sind nicht notwendig, sondern wirken in Summe betrachtet lebensverkürzend für den Hund.

Neben der Zucht liegt ein Teil der Verantwortung somit auch beim Käufer dieser Rassen …

Das ist nicht nur in Bezug auf die Brachyzephalie, sondern in der gesamten Hundezucht so. Der Käufer hätte sehr viel Macht, denn was nicht gekauft wird, wird nicht gezüchtet. Aber viele Käufer informieren sich vorab zu wenig und können die Probleme, die sie erwarten, kaum einschätzen. Mopskäufer fallen dann aus allen Wolken, wenn der Hund den ersten Ohnmachtsanfall hat. Da sind leider noch immer sehr viel Unverstand und Naivität im Spiel. Die Brachyzephalie ist von allen Qualzuchtmerkmalen das schwerwiegendste. Andere zuchtbedingte Beeinträchtigungen treten oft erst in höherem Alter auf oder schränken den Hund in bestimmten Situationen in seinen Bewegungsmöglichkeiten ein. Aber die Atemnot ist ein Rund-um-die Uhr-Thema, das jede Sekunde des Lebens beeinträchtigt – zum Teil in einer dramatischen Art und Weise.

Frau Professor Sommerfeld-Stur, herzlichen Dank für das Gespräch.