Honigbienen – Wunderbare Nutztiere

Bereits der Steinzeitmensch schätzte die Biene als Honig- und Wachsproduzent, wobei wilde Bienenvölker in Baumhöhlen gesucht und die Waben ausgebrochen wurden. Honig galt den Ägyptern als Speise der Götter, und die Imkerei stand bei den antiken Hochkulturen in hohem Ansehen. In Mitteleuropa begannen sog. Zeidler spätestens im frühen Mittelalter, Bienenbestände zu „managen“, d.h. imkerlich zu betreuen, um sie intensiver zu nutzen. Vor allem Klöster waren wichtige Zentren der Bienenhaltung und Wachsproduktion. Bienenwachs war kostbar, weil Wachskerzen neben den übelriechenden Tran- und Fettlampen die einzigen Lichtquellen waren. Da ein Bienenvolk zehnmal weniger Wachs als Honig produziert, lässt sich leicht ermessen, dass die Spende einer wohlriechenden Bienenwachskerze anlässlich kirchlicher Feste oder Wallfahrten ein beträchtliches Opfer dargestellt haben muss. Einige Klöster, Kirchen und Städte waren berühmt für schmackhafte und künstlerisch verzierte Lebkuchen, ein teures und dauerhaft haltbares Honigprodukt, das wir noch heute aus der Weihnachtszeit kennen (Printen, Nürnberger Lebkuchen, Pfefferkuchen). Die heute auf Jahrmärkten angebotenen Lebkuchenherzen, die meist gar keinen Honig mehr enthalten, geben uns nur eine schwache Vorstellung der Attraktion, die Lebkuchen in früheren Zeiten dargestellt haben, als es noch keinen Industriezucker gab.

Bienen: unverzichtbarer Bestandteil unserer Kulturlandschaft

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft erlangte die Honigbiene eine zunehmende Bedeutung als Bestäuber von Feldfrüchten, Obstbäumen und vielen Beerenpflanzen. In ausgedehnten landwirtschaftlichen Nutzflächen gibt es im Frühjahr meist nicht genügend wilde Insekten, um alle Blüten zu bestäuben. Honigbienen dagegen überwintern in Völkern von mehreren Tausend Tieren. Sie sind daher bereits im zeitigen Frühjahr in der Lage, im großen Umfang Pollen zu sammeln, was entscheidend für den Ernteertrag ist. Daneben haben Bienen auch eine nicht zu unterschätzende ökologische Funktion durch die Bestäubung zahlreicher Wildpflanzen, die wiederum als Futter für die heimischen Wildtiere dienen. In Österreich produzieren rund 25.000 Imker mit über 370.000 Bienenvölkern mehr als 6.000 Tonnen Honig im Jahr. Die meisten österreichischen Imker betreiben die Bienenzucht als Hobby in ihrer Freizeit, produzieren hochwertige Lebensmittel und sichern nebenbei eine flächendeckende Bestäubung. Leider belasten Pestizideinsatz, Monokulturen und der Verlust von Grünstreifen in der modernen Landwirtschaft die Honigbienen, weil Bienenvölker auf eine ausreichende Nektar- und Pollenversorgung zwischen März und Oktober angewiesen sind. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Bienen und die Bienenhaltung ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Kulturlandschaft sind.

Bienen sind bedroht

Seit einigen Jahren häufen sich weltweit Berichte über das sogenannte „Bienensterben“. Die zunehmenden Verluste von ganzen Bienenvölkern vor und bei der Überwinterung stellen gerade Kleinimker vor immer größere Herausforderungen. Alleine im Winter 2014/15 verloren die Imker in einigen Regionen Österreichs bis zu 50% ihrer Völker. Auch in diesem Frühjahr gab es wieder viele Bienenstöcke, in denen zwar noch prall gefüllte Futterwaben hingen, aber keine Bienen mehr zu finden waren. Es herrscht Einigkeit, dass der Grund für Winterverluste in Schwächungen der Bienenvölker im Spätsommer zu suchen ist, wenn die Winterbienen erbrütet werden. Was ist aber die Ursache? In erster Linie ist es wohl der Befall mit Parasiten, Bakterien und Viren. Natürlich können aber auch Betreuungsfehler oder Futtermangel für Völkerverluste verantwortlich sein, und auch die Wirkung diverser Pflanzenschutzmittel hat mit Sicherheit keine positive Wirkung auf die Bienengesundheit.

Eine eingeschleppte Milbe als Kern des Problems

Ohne Zweifel spielen die vor mehr als 30 Jahren aus Asien eingeschleppte Varroamilbe und die von ihr übertragenen Infektionskrankheiten eine zentrale Rolle bei den Völkerverlusten. Praktisch keine Bienenhaltung in Europa ist davon frei. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben jetzt gezeigt, dass nicht der Parasit allein für die Schadwirkung verantwortlich ist. Wahrscheinlich sterben Bienenvölker vor allem wegen der durch die Milbe übertragenen Viren. In Frage kommen dafür vor allem drei Viren, das Flügeldeformationsvirus, das Sackbrutvirus und das Virus der akuten Bienenparalyse. In allen Fällen ist die Bienenbrut betroffen. Da die Arbeiterbienen zwischen Frühjahr und Herbst aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nach 4-6 Wochen sterben, ist es für das Volk überlebenswichtig, ausreichend viele Arbeiterinnen nachzuziehen. Ist aber der Bruterfolg in Folge von Milbenbefall und Virusinfektion zu gering, fehlt die nachfolgende Generation. Das Bienenvolk bricht rasch zusammen und ist binnen eines Monats komplett ausgestorben.

Die Imker helfen sich mit einem strengen Bekämpfungsregime, bei dem die Bienenvölker nach Ende der Honigsaison im Juli mit scharfen Säuren (z.B. Ameisensäure) behandelt werden. Die Bienen sind auf Grund ihrer Größe gegen dieses Atemgift weniger empfindlich als die Milben. Da aber die Behandlung mehrfach im Wochenabstand wiederholt werden muss, werden auch die Bienen erheblich geschädigt. Es bleibt also nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn ohne Behandlung droht der Untergang des Volkes. Es sind Medikamente verfügbar, die gezielt Milben abtöten. Die Verwendung dieser Akarizide wird jedoch von naturnahen Imkern strikt abgelehnt, da sich bei unsachgemäßer Verwendung Rückstände im Honig finden könnten. Außerdem entwickeln die Milben rasch eine Resistenz gegen solche Medikamente.

Kenne deinen Feind

Es besteht erheblicher Handlungsbedarf, weil die beschriebenen Maßnahmen für den Imker sehr zeit- und arbeitsaufwändig sind, sich die Milben zunehmend an die imkerlichen Bekämpfungsstrategien anpassen und viele Imker ihr Hobby wegen der andauernden Verluste aufgeben. An der Veterinärmedizinischen Universität in Wien forschen Tierärzte, die gleichzeitig Bienenliebhaber sind, an Varroamilben und an den von der Milbe übertragenen Viren. Am Institut für Virologie wird versucht, die viralen Krankheitserreger grundlagenwissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen, um Erreger und Infektionsketten besser zu verstehen. Ein Ziel ist dabei die Entwicklung von abgeschwächten, harmlosen Viren, die ähnlich einer Impfung, schädliche Viren verdrängen. Auch werden neuartige Diagnostikmethoden erdacht, die dem Imker vor Ort eine Aussage über den Infektionsstatus geben können, damit er zeitgerecht reagieren kann. Ein anderer Ansatzpunkt ist die Vermeidung der Einschleppung von Varroamilben in gesunde Völker. Besonders im Herbst wird die Varroa aus den absterbenden Völkern schnell auf gesunde Bienenvölker übertragen, wenn die im verwaisten Bienenstock übriggebliebenen Honigvorräte ausgeräubert werden. Wie eine Zecke wartet die Milbe, bis eine arglose Biene in ihre Nähe kommt, springt auf sie auf und klammert sich fest. In einem von der Wirtschaftskammer Wien geförderten Projekt werden in Kooperation mit der Technischen Universität Wien und einer auf Bilderkennung spezialisierten Firma Computerprogramme entwickelt, die eine Erkennung von Milben auf den ein- und ausfliegenden Bienen ermöglichen. So könnte dem Imker in Echtzeit, z.B. über das Smartphone mitgeteilt werden, wie viele Milben in seine Völker eingeschleppt werden und ob die Bienen bereits eine gefährliche Milbenmenge im Volk haben.

Der Mensch trägt die Verantwortung

Die Betreuung von Nutztieren und die Sicherung der Lebensmittel ist eine Kernkompetenz der Tiermedizin. Zur Betreuung von Imkern in Fragen der Bienengesundheit wurde ein Weiterbildungsprogramm aufgelegt, das kompetente Bienen-Fachtierärzte in Österreich ausbildet. Neben Information und Aufklärung, z.B. durch den neu geschaffenen Bienengesundheitsdienst, wird das lückenlose, zeitlich koordinierte Vorgehen, z.B. gegen die Varroa, immer wichtiger. Ein erster Schritt hierfür ist die seit 2016 geltende Registrierungspflicht aller Bienenhaltungseinrichtungen in Österreich.

Die Honigbiene ist ein faszinierendes und extrem wichtiges Nutztier, das im Einklang mit der Natur lebt und sehr empfindlich auf Störungen reagiert. Leider hat sich die Situation der Honigbienen in den letzten Jahrzehnten stark verschlechtert. Ohne menschliche Pflege könnten Honigbienen bei uns gar nicht mehr überleben, denn die Varroamilben töten jedes Volk innerhalb weniger Jahre. Weil es praktisch keine wilden Honigbienenvölker mehr in Europa gibt, haben die imkerlich betreuten Honigbienen eine unschätzbare Bedeutung für die Erhaltung unserer Umwelt. Der Mensch hat eine große Verantwortung im Umgang mit Bienen, denn unsere Umwelt ist in vielen Facetten von der Anwesenheit der Honigbienen abhängig.

Dr. Benjamin Lamp
Tierärztin Kerstin Seitz
Univ. Prof. Dr. Till Rümenapf
Institut für Virologie, Vetmeduni Vienna