Kastration auf Zeit

Eine sanfte Möglichkeit, in den Sexualzyklus einzugreifen

Da eine läufige Hündin oder ein sexuell interessierter Rüde ebenso wie unkastrierte Katzen für den Tierhalter viele Unbequemlichkeiten mit sich bringen, ist die chirurgische, blutige Kastration von Vierbeinern, die nicht zur Zucht verwendet werden, heutzutage gang und gäbe. Die chirurgische Methode hat jedoch viele nachteilige Folgen wie Gewichtszunahme, unerwünschte Wesensveränderung, Haarkleidveränderungen (Babyfell) oder Harn-Inkontinenz. Trotzdem ist es eine von Tierhaltern oft diskutierte Frage, ob es vertretbar sei, junge Hündinnen schon vor der ersten Läufigkeit, also noch vor der Pubertät, operativ kastrieren zu lassen. Experten sind strikt dagegen.

Da es aber eine schonende Alternative zur chirurgischen Kastration gibt, nämlich die hormonelle Kastration mit einem synthetischen Hormon, hat die „mein HAUSTIER“-Redaktion Univ. Prof. Dr. Sabine Schäfer-Somi von der Veterinärmedizinischen Universität Wien zu diesem Thema befragt.

mein HAUSTIER: Frau Professor Schäfer-Somi, können Sie unseren Lesern erklären, wie die hormonelle Kastration praktisch durchgeführt wird und was dabei im Organismus passiert?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Bei der hormonellen Kastration wird der Wirkstoff Deslorelin in Form eines Implantates unter die Haut des Tieres injiziert – vergleichbar dem Mikrochip zur Kennzeichnung von Tieren. Dieser Wirkstoff ist ein synthetisches Hormon, das dem körpereigenen, im Zwischenhirn produzierten Releaserhormon (GnRH) für die Sexualhormone entspricht. Man kann Deslorelin als GnRH-Analogon bezeichnen. Das natürliche GnRH bewirkt die Ausschüttung von Sexualhormonen, es ist für die Fortpflanzung unerlässlich, es ist ein Schlüsselhormon. Wird jedoch synthetisches GnRH kontinuierlich aus dem Implantat an den Organismus abgegeben, kommt es zur sogenannten Down-Regulation der für das körpereigene GnRH notwendigen Rezeptoren. – diese werden blockiert und zum Verschwinden gebracht. Vereinfacht gesagt, wird als Folge davon die Ausschüttung von Sexualhormonen gehemmt. Das körpereigene Schlüsselhormon kann nicht mehr wirken, weshalb bei weiblichen Tieren die Läufigkeit beziehungsweise Rolligkeit unterbleibt und die Tiere unfruchtbar sind, solange das Implantat wirkt. Rüden und Kater verlieren den Geschlechtstrieb und sind ebenfalls unfruchtbar.

Die unblutige, hormonelle Kastration ist für den Körper kein Problem und vollständig reversibel.

Unterbleibt eine weitere Injektion des Implantates oder entfernt man es vorzeitig, entfalten die Tiere wieder einen normalen Sexualzyklus und werden wieder fruchtbar.

mein HAUSTIER: Ist das Implantat für alle Tierarten zugelassen?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Nein das Deslorelin-Implantat ist prinzipiell nur für männliche Hunde und Frettchen zugelassen. Aber jeder Tierarzt kann eine Umwidmung vornehmen und es im sogenannten „Off Label-Verfahren“ bei weiblichen Hunden und Katzen sowie beim Kater anwenden. Voraussetzung ist, dass es keine bessere Alternative gibt. Wie jede medizinische Behandlung setzt auch die hormonelle Kastration eine genaue Aufklärung des Tierhalters durch den Tierarzt voraus.

mein HAUSTIER: Was halten Sie davon, die hormonelle Kastration bei jungen Hündinnen schon vor der Pubertät durchzuführen?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Ich befürworte dies, weil es immer wieder Situationen gibt, in denen eine Läufigkeit der Junghündinnen untragbar wäre – zum Beispiel, wenn der Tierhalter ins Krankenhaus muss oder ein Rüde im Haus ist, also rein praktische Gründe. Man kann in solchen Fällen mit der hormonellen Kastration die Pubertät und das Eintreten der Läufigkeit hinausziehen. Der zweite, für mich noch wichtigere Grund ist, dass durch eine Frühkastration dem Auftreten von Gesäugetumoren im höheren Alter weitgehend vorgebeugt werden kann.

Die hormonelle Kastration ist sicherlich die schonendste Methode für das Tier.

Es ist jedoch so, dass die chirurgische Frühkastration vor dem Eintreten der Pubertät gravierende Nebenwirkungen hat: Die Vulva, die beim Hund auch Schnalle genannt wird, wächst nicht mit der Hündin mit, sondern bleibt klein und zieht sich in Falten zurück. Somit kommt es ringsherum zu Ansammlungen von Harn, Schmutz und Bakterien; schwere Entzündungen und in den Harntrakt aufsteigende Infektionen sind die Folge davon. Ein weiteres gravierendes Problem nach der chirurgischen Frühkastration ist, dass sich die Wachstumsfugen in den Knochen nicht schließen, weshalb diese labil und anfällig für Knochenbrüche bleiben. Bestimmte Rassen sind nach der chirurgischen Frühkastration vermehrt von Tumoren, auch Knochentumoren, betroffen. Aus all diesen Gründen darf die chirurgische Kastration erst nach der ersten Läufigkeit erfolgen.

Im Gegensatz dazu kann man mit der hormonellen Kastration, also dem Deslorelin-Implantat, die Pubertät hinauszögern und trotzdem die ungestörte körperliche Entwicklung der jungen Hündin voraussetzen – auch das Wachstum der Vulva erfolgt normal. Wenn das Implantat in regelmäßigen Abständen – je nach Implantatstärke halbjährlich oder jährlich – nachgesetzt wird ist eine permanente Unterdrückung der körpereigenen Hormone möglich.

mein HAUSTIER: In welchem Alter soll die hormonelle Frühkastration der Junghündin erfolgen?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Eine Studie, die wir gemacht haben, zeigt, dass der optimale Zeitpunkt für das Setzen des Implantates das Alter von vier Monaten ist und dass, wie schon vorhin erwähnt, auch bei fortgesetzter Anwendung keine gesundheitlichen Probleme auftreten.

mein HAUSTIER: Ist die hormonelle Kastration auch eine Option für erwachsene Tiere? Prof. Dr. Schäfer-Somi: Ja, auch für erwachsene Tiere ist dies die schonendste Methode. Wobei man bei Hündinnen den Zeitpunkt sehr genau wählen muss: Der optimale Termin für das Einsetzen des Implantates ist zwei bis drei Wochen nach der Läufigkeit – eine Zeitspanne, in der viele Hündinnen scheinträchtig sind. Vor dem Einsetzen des Implantates ist eine genaue Untersuchung der Hündin und optimalerweise die Bestimmung des Progesteronspiegels anzuraten. Bei Rüden und Katern kann das Deslorelin-Implantat jederzeit unter die Haut injiziert werden. Bei männlichen Katzen ist die hormonelle Kastration auch deswegen empfehlenswert, weil viele dieser Samtpfoten latent mit dem FIP-Virus infiziert sind und die Krankheit durch den Operationsstress ausbrechen könnte.

mein HAUSTIER: Wie lange wirkt das Implantat?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Die Wirkungsdauer hängt von der Größe des Tieres und von der verwendeten Stärke des Implantates ab. Ein Implantat mit 4,7 mg wirkt bei einem mittelgroßen Hund ungefähr sechs Monate, eines mit 9,7 mg ungefähr ein Jahr. Da dies Mittelwerte sind und jeder Organismus individuell reagiert – manche Tiere können bis zu zwei Jahren unfruchtbar bleiben – empfehle ich es nicht für Zuchthündinnen oder Deckrüden.

mein HAUSTIER: Bei Rüden kann aggressives Verhalten auch durch einen hohen Testosteronspiegel bedingt sein. Empfiehlt sich auch in solchen Fällen die hormonelle Kastration?

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Da man nie von vorneherein weiß, ob die Aggressionsbereitschaft hormonell bedingt ist, ist meine Meinung, dass man mit dem einmaligen Einbringen des Implantates einfach ausprobieren kann, ob sich das Verhalten des Rüden nach einer Kastration ändern würde – selbstverständlich begleitet von erzieherischen Maßnahmen.

mein HAUSTIER: Ich habe gehört, dass das Deslorelin-Implantat auch zur Behandlung der als Nebenwirkung der chirurgischen Kastration auftretenden Harn-Inkontinenz Verwendung findet …

Prof. Dr. Schäfer-Somi: Ja, es gibt hier gute Erfolge bei der Therapie mit Deslorelin.

Dreiviertel der von Inkontinenz betroffenen Hündinnen spricht auf die Therapie mit dem Deslorelin-Implantat an.

Wenn man bedenkt, dass die bisher übliche Therapie eine lebenslange, tägliche Medikamentengabe bedeutet, aufputscht und nicht in allen Fällen wirkt, ist das Implantat eine gute Alternative.

Frau Professor, vielen Dank für das Gespräch!