Lungentumoren: kein Todesurteil

Operation kann Lebensqualität mit guter Prognose sichern

Tigra hatte großes Glück! Bei der achtjährigen Boxerdame aus Kärnten wurde in Folge einer routinemäßigen Vorsorgeuntersuchung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien ein Lungentumor diagnostiziert. Nach einer umfassenden Beratung durch das onkologische und chirurgische Team der Universitätsklinik entschied sich Tigras Besitzerin, sie operieren zu lassen. Der betroffene Lungenlappen konnte an der Kleintierchirurgie entfernt werden, und die Boxerhündin ist heute längst in ihr normales Leben zurückgekehrt. „mein HAUSTIER“ sprach mit Univ. Prof. Dr. Gilles Dupré, der Tigra erfolgreich operiert hat, über die Möglichkeiten und Einsatzgebiete der Lungenchirurgie in der Tiermedizin.

mein HAUSTIER: Herr Professor Dupré, eine Lungenoperation beim Hund ist auch heute noch ein für viele Tierbesitzer unvorstellbarer Eingriff, womit betroffenen Hunden oft eine große Chance versagt bleibt. Wie selbstverständlich ist eine derartige Operation heute zumindest im universitären Bereich? 

Univ. Prof. Dr. Gilles Duré: Der einzige Unterschied zwischen einer Operation in der Thoraxhöhle (Brusthöhle) und in der Bauchhöhle ist der, dass die Lungen während des Eingriffs beatmet werden müssen. Dies müssen die Anästhesisten entweder mit einem Anästhesiegerät oder manuell sicherstellen können, denn mit der Öffnung der Thoraxhöhle verliert man den Unterdruck im Pleuraspalt, dem kleinen Zwischenraum zwischen der Lungenoberfläche und dem Rippenfell. Deshalb können die Lungen sich nicht selbst entspannen.

Bedeutet das, dass die Voraussetzungen, die für eine derartige Operation im Umfeld erfüllt sein müssen, primär in der Anästhesie liegen?

Ja, es ist eine Herausforderung für die Anästhesie, aber natürlich darf auch der Chirurg in diesen feinen Strukturen der Thoraxhöhle keinen Fehler machen. Hinzu kommt, dass sich das Organ bewegt, ebenso das Herz, so dass man zwischen diesen Bewegungen arbeiten muss. Ansonsten macht es für den Chirurgen keinen großen Unterschied, ob er in der Bauchhöhle oder im Thorax arbeitet. Lediglich der Zugang ist im Thorax limitiert. Wenn die Bauchhöhle über die Mittellinie chirurgisch geöffnet wird, wird der gesamte Bereich mit allen Bauchorganen zugänglich. In der Thoraxhöhle gibt es zwei Möglichkeiten des Zugangs: zum einen zwischen zwei Rippen auf einer Seite, womit man auch nur diese Seite einsehen kann und dadurch limitiert ist. Eine andere Möglichkeit ist der Zugang über das Sternum, das Brustbein, das gespalten werden kann, so dass sich der Blick in die gesamte Thoraxhöhle öffnet. Das ist allerdings nach der Operation sehr schmerzhaft für den Patienten, da eine Knochen- und Knorpelheilung erfolgen muss.

Was sind die häufigsten Gründe für einen chirurgischen Eingriff an der Lunge beim Hund?

Die Hauptindikation sind Tumoren. Bei den meisten Primärtumoren wie beispielsweise beim Adenokarzinom ist die Prognose gut. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn ein primärer Lungentumor früh genug erkannt und im Rahmen einer Lungenlappenlobektomie entfernt wird. Tritt der Tumor wie bei der Boxerhündin Tigra isoliert auf, handelt es sich also um einen einzelnen Tumor in der Lunge, gibt es keinen Grund zu zögern oder auf die Operation zu verzichten. Auch bei einer lokalisierten Pneumonie (Lungenentzündung), die möglicherweise mit einer Abszessbildung verbunden ist, sollte man den betroffenen Lungenlappen entfernen. Das gleiche gilt für Abszesse in Folge von Fremdkörpern, die vom Rachen über die Luftröhre in die Lunge gewandert sind. Eine weitere Indikation sind Bullae. Das sind Luftblasen im Lungengewebe, die explodieren und so zu einem Pneumothorax – eine lebensbedrohende Situation, da Luft in den Pleuraspalt gelangt und den Unterdruck beseitigt – führen können, Diese Blasen können versiegelt oder durch eine teilweise Lungenlappenlobektomie entfernt werden. Eine weitere Indikation wäre eine Lungenlappentorsion. Dabei drehen sich einer oder mehrere Lungenlappen um ihre Längsachse, was sofort zu Störungen der Blutversorgung des Lappens führt und sehr schnell operativ behandelt werden muss, bevor das Gewebe abstirbt. Das ist im Grunde eine Notoperation, die hauptsächlich große Rassen betrifft, aber auch Möpse sind dafür prädestiniert. So gibt es eine Reihe von Indikationen, die häufigste ist der Lungentumor.

Welche Konsequenzen hat es für das weitere Leben des Hundes, wenn ihm ein Lungenlappen entfernt wurde? 

Das ist ganz ähnlich wie beim Menschen. Wenn beim Hund nur ein Lungenlappen auf einer Seite entfernt wird, ergeben sich für die Atmung keine Komplikationen oder Nebenwirkungen. Die Lunge des Hundes setzt sich aus sieben Lungenlappen zusammen, drei auf der linken und vier auf der rechten Seite. Die verbliebenen Lungenlappen werden sich ausgleichend ausdehnen, da mehr Platz im Thorax entstanden ist. So kann der Gasaustauch auch mit weniger Lungengewebe problemlos erfolgen. Man kann alle Lappen von einer Seite entfernen. Die Lunge kann also genauso behandelt werden wie andere Organe. Schließlich kann man ja auch einen Teil der Leber, die Gallenblase oder die Milz entfernen. Das bedeutet natürlich nicht, dass diese Organe unnötig sind, aber die Lebensqualität des Hundes ist auch nach derartigen Eingriffen gesichert.

Können in der Lungenchirurgie auch minimalinvasive Operationsmethoden (Kopflochchirurgie) zum Einsatz kommen?

In manchen Fällen durchaus! Man kann mit zwei oder drei kleinen Löchern zwischen den Rippen eine Kamera und die Instrumente einführen, um einen Lungenlappen zu entfernen. Dabei wird der betroffene Lungenlappen im Thorax in einen kleinen Sack gegeben und herausgezogen. Mit der Kamera sieht man zudem wesentlich besser als mit den bloßen Augen, und wir können mit dieser Operationsmethode gerade in der postoperativen Phase viel gewinnen.

Die minimalinvasive Chirurgie ist für den Patienten wesentlich schonender, ihr Einsatz ist allerdings beispielsweise durch den Umfang des Tumorgewebes, das entfernt werden muss, limitiert.

Nach der Operation bleiben die Patienten zunächst auf der Intensivstation. Was ist nach einem Lungeneingriff besonders wichtig? 

Die Patienten brauchen zunächst eine sehr gute Schmerzkontrolle. Zudem müssen die Lungen nach der Operation wieder normal funktionieren können, d.h. der physiologische Unterdruck in der Thoraxhöhle muss wieder entstehen, was wir durch die Drainage des Pleuraspalts erreichen. Die Luft, die dort während der Operation hingelangte, muss nach der Operation gezogen werden, so dass die Lungen sich wieder selbstständig entspannen können. Auch die Flüssigkeit, die dort postoperativ produziert wird, ist ein Thema und muss mit der Drainage herausgezogen werden. Nach einer Lungenoperation bzw. einer Operation in der Thoraxhöhle kann der Patient keineswegs allein gelassen werden. Diese Hunde müssen mindestens bis zur Entfernung der Drainage unter konstanter Betreuung und Überwachung bleiben, anderenfalls sind diese Operationen nicht möglich. In der Regel wird die Drainage 24 Stunden, nachdem die letzte Flüssigkeit oder Gasproduktion entstanden ist, entfernt. Damit sind normalerweise mindestens zwei Tage intensive postoperative Betreuung notwendig.

Herr Professor Dupré, herzlichen Dank für das Gespräch!

Univ.-Prof. Dr. Gilles Dupré Dipl. ECVS
Leitung der Kleintierchirurgie der Universitätsklinik für Kleintiere und Pferde
Veterinärmedizinische Universität Wien

 

Glücklich nach erfolgreicher Operation

Zwei Monate nach der Lungenoperation reisten Tigra und ihre Besitzerin Dr. Elisabeth Fuchs-Rothenpieler aus ihrer Kärntner Heimat erneut nach Wien. „mein HAUSTIER“ traf die Boxerzüchterin und ihre ebenso lebhafte wie selbstbewusste Hündin nach der Kontrolluntersuchung an der Onkologie.

mein HAUSTIER: Tigra kommt gerade aus der Kontrolluntersuchung, wie geht’s  ihr?

Dr. Elisabeth Fuchs-Rothenpieler: Es geht ihr ausgezeichnet! Alle Ergebnisse sind nahezu perfekt. Ich bin sehr zufrieden und richtig glücklich.

Tigras Fall bestätigt eindrucksvoll Sinn und Zweck der Vorsorgeuntersuchung. Es war ja eigentlich eine Zufallsdiagnose, die ihr jetzt vermutlich sehr viel Lebenszeit schenken wird?

Ja, die Diagnose kam sehr unerwartet. Ich hatte mich entschlossen, mit meinen beiden Hündinnen, vor allem mit Tigra, der älteren, eine Gesundenuntersuchung an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien zu machen. Dort zeigte sich im Bauch-Ultraschall, dass die Milz ein wenig inhomogen war, und wir haben im September zunächst entschieden, das zu beo-bachten. Bei der neuerlichen Kontrolle im Dezember war die Milz unverändert, aber die behandelnden Onkologen schlugen ein Lungenröntgen vor, und so kam das ganze über diesen Umweg ins Rollen. Im Röntgenbild sah man plötzlich den Lungentumor, während eine Biopsie der Milz keine tumorösen Veränderungen zeigte. Eine Vorsorgeuntersuchung sollte man immer machen, wenn der Hund in die Jahre kommt. Wir Menschen tun das ja auch – oder sollten es zumindest.

Die Entscheidung zur Operation war letztlich eine Entscheidung für Tigras Leben. Welche Überlegungen standen dabei im Raum?

Die Entscheidung war ehrlich gesagt sehr schwer. Anfang Dezember erst war Tigras Bruder an einem Tumor verstorben, dann kam ihre Diagnose. Ich habe viel mit Freunden gesprochen, von denen einige auch selber Boxer haben, da waren die Meinungen sehr geteilt. Aber nachdem ich selbst Biologin bin und aus einem Ärztehaushalt komme, war mir klar, dass diese Operation sein muss, dass ich dem Hund die Chance geben muss und dass wir in Wien in den besten Händen sind. Dass ich an der Vetmeduni sehr gut und umfassend über die Operationstechnik, den Verlauf und Tigras Chancen, danach ein gutes Leben zu führen, aufgeklärt wurde, hat mir sehr geholfen. Das alles habe ich als sehr positiv und als sehr gut begründet empfunden, und das machte es auch wesentlich leichter, mich für diese Operation zu entscheiden. Natürlich hatte ich Angst, aber da hilft Arbeit. Zudem waren meine beiden anderen Hunde da, die mir natürlich auch geholfen haben. Man trägt die Angst und versucht, das aufzuarbeiten. Wegzaubern lässt es sich nicht. Aber der Gedanke, das Beste für meine Hündin zu tun, stand doch im Vordergrund. Mir war auch klar, dass Tigra eine Woche an der Klinik bleiben würde, um sich wirklich zu erholen und perfekt behandelt zu werden. Das war mir insbesondere wegen der Entfernung – wir leben in Kärnten – sehr wichtig.

Tigra geht es jetzt offensichtlich wunderbar, so dass die Entscheidung für die Operation rückblickend absolut richtig war.

Absolut – und ich würde mich sicher heute genauso entscheiden. Tigra war ja im Prinzip unglaublich gut beieinander. Auch an der Klinik bestätigten alle, dass sie topfit sei, und diese Konstitution hat ihr sicher auch geholfen, das ganze gut zu überstehen. Und natürlich die Tatsache, dass sie an der Uniklinik von lieben Menschen umgeben war, die sie sehr gern hat und die Tigra mochten. Wenn sie sich dort nicht wohlfühlen würde, würde das den Heilungsprozess sicher auch beeinträchtigen. Zuhause ging es ihr dann sowieso hervorragend. Sie lebt mit ihrer Tochter und Enkelin zusammen. Das ist eine wunderbare Familiensituation, die in solchen Momenten auch sehr hilfreich sein kann.

Abschließend noch eine Frage an die Boxerzüchterin: Boxer gehören zu den am häufigsten von Tumoren betroffenen Rassen, ein Problem, das züchterisch schwer zu steuern ist, denn DAS Krebs-Gen gibt es nicht. Dennoch, was kann man tun angesichts eines besonders hohen Tumorvorkommens in einigen Rassen? 

Das ist ein langes und sehr wichtiges Thema. Ich selbst habe mir heute sehr viele Kontakte zu verschiedenen Genetikern aufgebaut und arbeite im Hinblick auf die Zuchtplanung vor allem mit der Salzburger Genetikerin Dr. Anja Geretsschläger zusammen. Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, die Zucht in genetischer Hinsicht zu verbessern. Ich habe meinen letzten Wurf u.a. anhand der Ergebnisse verschiedener molekulargenetischer Tests geplant und bin auch jetzt wieder auf der Suche nach einem Rüden. Es ist aber unvorstellbar schwierig, weil nur sehr wenige Züchter und Rüdenbesitzer in diesem Bereich mitmachen möchten – zumindest was meine Rasse betrifft. Dabei gibt es heute durchaus Möglichkeiten, das Inzuchtniveau zu senken oder beispielsweise die Arbeit des Immunsystems durch eine gezielte züchterische Auswahl zu verbessern. Vielleicht könnten uns diese Schritte langfristig auch helfen, auf dieser Basis etwas gegen das hohe Tumorrisiko in einigen Rassen zu tun.

Frau Dr. Fuchs-Rothenpieler, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin alles Gute für Tigra!   

Interviews geführt von Mag. Kerstin Piribauer