Tiere mit Behinderung

Vierbeiner kommen meist gut zurecht

Tiere mit BehinderungDas Leben ist kein Wunschprogramm – weder für uns Menschen noch für unsere vierbeinigen Freunde und Familienmitglieder. Eine Behinderung kann jeden treffen. Wir selbst würden uns im Falle einer Behinderung mit absoluter Sicherheit für eine Therapie entscheiden und die notwendige Hilfe annehmen, um den veränderten Alltag zu bewältigen. Unsere Tiere verdienen in den meisten Fällen diese Chance wohl auch.

Mensch und Tier bilden gemeinsam ein Team, und es hängt von vielen individuellen Gegebenheiten auf beiden Seiten ab, was therapeutisch und im Hinblick auf die notwendige Pflege möglich ist. Dabei spielen auch sehr praktische Dinge eine große Rolle: die Wohnsituation, die finanziellen Möglichkeiten und nicht zuletzt die zeitliche Flexibilität, um das Leben mit einem behinderten Tier zu managen. Es gehört zu den großen Aufgaben des Tierarztes oder der Tierärztin, auszuloten, was dem betroffenen Tier und seinem Menschen zumutbar ist und was man den beiden zutrauen kann. Manche Behinderungen entwickeln sich schleichend, bei einem Unfall hingegen kann ein kurzer Moment alles verändern. Immer ist der Besitzer eines betroffenen Tieres mit einer neuen und ungewohnten Situation konfrontiert, die zunächst einmal Angst macht. In diesem Moment die notwendige Hilfestellung zu geben und Aufklärungsarbeit zu leisten, ist Teil der Arbeit des Tierarztes.

Eigene Erfahrung mit behindertem Kätzchen

Auch meine eigene kleine Wohnungskatze lebt mit einer Behinderung. Sie war ein Findelkind und erst wenige Wochen alt, als wir sie nach einer komplizierten Becken- und Oberschenkelfraktur operierten und sie soweit herstellen konnten, dass sie heute hinten ganz normal gehen kann. Erst später stellte sich heraus, dass sie ihr vorderes linkes Beinchen nicht bewegt und dort nichts richtig spürt. Das war natürlich eine tragische Situation, aber kein Grund, sie einzuschläfern. Sie hat alle vier Beine, verfügt aber vorne links nur über die halbe Funktionsfähigkeit. Normalerweise müsste man das amputieren, aber da ich sie täglich unter Kontrolle habe und als Tierärztin natürlich weiß, worauf zu achten ist, lebt sie jetzt schon bald zwölf Jahre mit diesem behinderten Bein, an dem sich mittlerweile eine Schwiele zum Fußen ausgebildet hat – und freut sich jeden Tag ihres Lebens! Mit der Diagnose eines partiellen Plexus brachialis-Abrisses (Verletzung des Nervengeflechts im Vorderbein) stand fest, dass sie keine Katze mit Freilauf werden konnte. Denn sie könnte mit dem behinderten Bein in einem Zaun hängen bleiben, nicht schnell genug weglaufen können, sie könnte sich aufkratzen und eine immer wiederkehrende, nicht heilende Wunde bekommen. Das alles sind Gründe, weshalb man in so einem Fall meist zu einer Amputation rät. Die Wahl der Therapie ist also nicht nur von der Erkrankung, sondern immer auch vom jeweiligen Mensch-Tier-Team und den Gegebenheiten abhängig.

Guter Dinge auf drei Beinen

Wenn Hund und Katze ein Bein verlieren, kommen sie in den weitaus meisten Fällen problemlos mit der Situation zurecht und gehen nach einer zumeist kurzen Gewöhnungsphase ganz selbstverständlich damit um. Die Entscheidung für oder gegen eine Amputation ist immer eine individuelle. War das Tier in einen Unfall verwickelt, so dass eine traumatische Ursache vorliegt, ist die Entscheidung meist vorgegeben, da die Gliedmaße eventuell ohnehin bereits fehlt. Einer der häufigsten Gründe für eine Amputation ist Knochenkrebs. Hier ist die Entscheidung insbesondere in fortgeschrittenen Stadien schwieriger, weil die Behinderung mit einer schwerwiegenden Erkrankung verbunden ist, die eventuell bereits den gesamten Organismus betrifft. In diesen Fällen ist eine Amputation nicht heilend, und es bedarf einer zusätzlichen Chemotherapie. So kann das Tier noch bis zu ein- oder eineinhalb Jahre bei guter Lebensqualität leben. Es kann auch früher zu Ende gehen – oder auch später! Inzwischen gibt es viele Tierbesitzer, die eine Amputation durchaus in Betracht ziehen, um ihrem geliebten Tier eine neue Form der Lebensqualität bieten zu können, nur wenige lehnen diese Form der Therapie noch kategorisch ab. Leider gibt es aber auch immer noch Tierärzte und Tierärztinnen, die der Meinung sind, das könne man einem Tier nicht zumuten. Aber das stimmt so nicht. Natürlich muss man die richtigen Indikationen stellen und den Zustand der anderen Gliedmaßen beachten. Man kann ein Hinterbein nur dann abnehmen, wenn das andere weitgehend gesund ist. Es gibt sicherlich Grenzen, aber die Amputation ist eigentlich das kleinste Übel – besonders für Tiere, die das betroffene Bein schon einige Zeit nicht mehr belasten und bereits auf drei Beinen in die Ambulanz kommen. In diesen Fällen ist es leicht, zu erklären, dass eine Amputation die beste Lösung für das Tier ist, wenn eine absolute Schmerzfreiheit anders nicht zu erreichen ist oder den Notwendigkeiten der Tumorchirurgie entsprechend auch keine andere Operationsmethode sinnvoll ist. All diese Gespräche und Entscheidungen erfordern ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Besitzer und Tierarzt. Die Fakten, die Risiken und auch die Chancen müssen objektiv dargestellt und o en kommuniziert werden.

Lähmung und Inkontinenz brauchen Management

Verletzungen oder Tumorerkrankungen der Wirbelsäule oder des Rückenmarks führen immer wieder zu teilweisen oder auch vollständigen Lähmungen der Hinterextremitäten. Zudem können die betroffenen Tiere Harn und Kot oft nicht mehr kontrolliert absetzen. Ich bewundere Tierhalter, die derartige Situationen managen können und beispielsweise bereitwillig lernen, die Blase des behinderten Tieres drei- bis viermal täglich zu entleeren. Manchmal nehmen diese Fälle auch ein gutes Ende, denn abhängig von der Erkrankung sollte man die Regenerationsfähigkeit des Organismus nicht unterschätzen, vor allem bei jüngeren Tieren nicht!

 Um derartige Herausforderungen zu bestehen, muss die Bindung zwischen Tier und Mensch sehr eng sein, und auch das Tier muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Bei einem Hund, der über 70 Kilogramm wiegt, wird es sicherlich sehr schwierig. Man kann nicht jedes Tier mit jeder Situation konfrontieren. Die entscheidende Frage ist immer, ob die Lebensqualität erhalten bleibt. Die wichtigste Voraussetzung aber ist die, dass der Besitzer sein Tier wirklich liebt. Liebe und Geborgenheit wirken nachweislich unterstützend auf die Heilungskapazität. Klarerweise kann gegen unheilbare Krankheiten auch die größte Liebe nichts ausrichten, aber wenn der Besitzer seinem Tier Geborgenheit und Sicherheit vermitteln kann, ist das ein wichtiger Beitrag zur Therapie. Zudem gibt es heute eine ganze Reihe orthopädischer Hilfsmittel, die den Alltag mit behinderten Tieren erleichtern. So können auch Hunde mit vollständigen Lähmungen der Hintergliedmaßen dank eines Rollwagens neue Mobilität zurückgewinnen und ihren Aktionsradius entscheidend erweitern. Die Skepsis derartigen Hilfsmitteln gegenüber liegt nur allzu oft in der menschlichen Eitelkeit begründet, während die Hunde meist ab der ersten Probefahrt Gefallen an ihrem Gefährt finden und die Unterstützung problemlos annehmen. Ein „Rolli“ steht für Mobilität und Lebensfreude, für Abwechslung und Unternehmungslust.

Seh- und Hörverlust erfordern besonderes Einfühlungsvermögen

Eingeschränkte Funktionen der Sinnesorgane sind auf den ersten Blick zwar weniger deutlich sichtbar, können für das Tier jedoch eine größere Einschränkung darstellen als eine orthopädische Behinderung. Ein Hund kann auch mit nur einem Vorderbein graben, das schafft er! Wenn ihm eine Gliedmaße fehlt, ist er im Spiel sicher nicht so perfekt unterwegs wie seine gesunden Artgenossen, aber er kann genauso mitspielen. Eine Behinderung der Sinnesorgane ist einschränkender. Ein Tier, das sein Augenlicht verloren hat, wird sich in seiner gewohnten Umgebung zurechtfinden, nicht aber auf fremdem Terrain. Meist passieren diese Dinge nicht von einem Tag auf den anderen, sondern es sind schleichende Prozesse, an die Tier und Mensch sich gemeinsam langsam gewöhnen können. Sehbehinderte Tiere wissen sehr genau, wo der Schreibtisch steht und wo die Türe ist. Natürlich darf man die Umgebung nicht täglich verändern, das würde man bei einem blinden Menschen auch nicht machen. Auch Taubheit erfordert ein besonderes Einfühlungsvermögen des Besitzers. Ich weiß wovon ich rede, denn ich habe noch eine zweite behinderte Katze: Sie ist taub geworden. Früher war sie eine große Rednerin, und wir haben richtig miteinander gesprochen. Es war ein tragischer Vorgang, dass sie ihr Gehör verloren hat. Am Anfang hat sie sich ein wenig zurückgezogen, aber langsam fand sie in ihren normalen Rhythmus zurück und erwartete mich wieder, wenn ich zu den gewohnten Zeiten nach Hause kam. Jetzt kommunizieren wir über Handzeichen. Natürlich kann man nicht mehr im Vorbeigehen sagen „Hallo Mimma, wie geht’s Dir!“ Ich muss extra zu ihr hingehen, damit sie weiß, dass ich da bin – und vielleicht bekommt sie auch ein wenig mehr Zuwendung als meine andere Katze, weil man eben nicht mehr von einer Ecke zur anderen mit ihr reden kann.

Auch kleine Heimtiere kommen mit Behinderung zurecht

Auch kleine Heimtiere können von Behinderungen betroffen sein. Blindheit oder den Verlust eines Auges können Kaninchen und Hamster fast ebenso gut managen wie Hund und Katze.

Sogar eine Amputation ist in den meisten Fällen möglich. Man kann einem Kaninchen ein Hinterbein abnehmen, und es kann sehr gut damit leben. Ich habe einmal einem Hamster ein Vorderbeinchen amputiert, und er konnte später problemlos in seinem Hamsterrad weiterlaufen. Auch die artspezifische Fresstechnik mit den Backentaschen hat er mit dem verbliebenen Beinchen hervorragend gemeistert.

Mit Veränderung leben

Schwerwiegende Erkrankungen und Behinderungen führen immer zu Veränderungen. Das ist ein Teil des Lebens. Lebensqualität ist jedoch eine variable Größe und situationsabhängig. Es ist Aufgabe des Menschen, mit der Behinderung seines tierischen Kameraden zurechtzukommen. Aber für manche Menschen ist es noch ein weiter Weg, auch das Leben behinderter Tiere als lebenswert zu empfinden und entsprechend zu handeln. Die Umwelt kann einen großen Einfluss auf den Besitzer ausüben, und dieser Druck ist nicht zu unterschätzen. Ein beliebtes Argument ist zum Beispiel: „Wie viele Ratten oder Hamsterlein könnte man sich für den Preis der Therapie kaufen?!“ Aber das ist ja nicht der Punkt! In manchem Umfeld benötigt man sicher eine besondere Standkraft, um den Alltag mit einem behinderten Tier zu leben – auch wenn sich in den letzten zehn Jahren in diesem Bereich sehr viel verändert hat und all diese Dinge heute bereits wesentlich selbstverständlicher sind. Man muss mit Sicherheit an sich selbst arbeiten. Dem einzelnen Tier die Chance auf Leben mit der Begründung zu verweigern, dass das Tier es ohnehin nicht schaffen würde, ist eine zu einfache Erklärung und keineswegs gerechtfertigt. Es ist immer der Mensch, der es nicht schafft, und die Ehrlichkeit, zu dieser Erkenntnis zu stehen, sollte man erwarten dürfen. Viele Aufgaben, die aus dem Zusammenleben mit behinderten Tieren entstehen, sind eine enorme Herausforderung, die auch logistisch durchdacht und organisiert sein muss. Aber das gehört zu der Verantwortung, die wir für das Leben der Tiere an unserer Seite übernommen haben.