Verhaltensstörungen durch Schilddruüsenunterfunktion?

Hormonersatztherapie kann helfen

Schilddrüsenhormone spielen eine wichtige Rolle im Kohlenhydrat-, Eiweiß- und Fettstoffwechsel. Sie beeinflussen den Wärmehaushalt, greifen in die Regulation anderer Hormone ein und haben eine direkte Wirkung auf bestimmte Organsysteme, wie zum Beispiel auf das Herz. Aber genau wie beim Menschen besteht auch beim Hund ein nicht zu unterschätzender Einfluss der Schilddrüsenhormone auf Stimmungen und Verhalten. Gar nicht so selten können Verhaltensstörungen der Vierbeiner auf einen Mangel an diesen Hormonen zurückgeführt werden. Die „mein HAUSTIER“-Redaktion hat den Hormonspezialisten Privatdozent Dr. Florian Zeugswetter zu diesem Thema befragt.

mein HAUSTIER: Herr Dozent Zeugswetter, welche Erkrankungen der Schilddrüse führen zu Störungen in der Hormonproduktion des Organs?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Da gibt es einmal die Tumoren: teils direkt in der Schilddrüse, teils in versprengtem Schilddrüsengewebe. Die spindelförmigen, normalerweise nicht tastbaren Schilddrüsen liegen bei den Hunden seitlich der Luftröhre, sind 2,5-3 cm lang und ungefähr 0,5 cm breit. Bei jedem zweiten Hund lässt sich jedoch auch sogenanntes versprengtes „ektopes“ Schilddrüsengewebe nachweisen, was die Möglichkeit der Entstehung von Schilddrüsentumoren auch außerhalb der klassischen Lokalisation erklärt.

Die häufigste Erkrankung der Schilddrüse ist aber nicht der Schilddrüsentumor, sondern eine immunmediierte Zerstörung der Schilddrüsenzellen – also eine Autoimmunkrankheit – mit einem sich schleichend entwickelnden Mangel an Schilddrüsenhormonen. Es entsteht eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Diese Erkrankung hat große Ähnlichkeit mit der autoimmunen Hashimoto oder Ord Thyroiditis des Menschen und kann schon bei sehr jungen Hunden auftreten. Gewisse Rassen wie English Setter, Golden Retriever, Rhodesian Ridgeback, Cocker Spaniel und Boxer sind prädisponiert dafür.

Wie häufig sind solche Störungen?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Mit einer Krankheitshäufigkeit von 0,2-0,6% zählt die „Hypothyreose“ sicherlich nicht zu den häufigen hormonellen Erkrankungen des Hundes. Spricht man jedoch mit Züchtern und Tierbesitzern, so bekommt man einen ganz anderen Eindruck. Der Grund liegt in der Tatsache dass sehr viele Krankheiten, aber auch Medikamente oder Sport, den aktuellen Thyroxinwert (Schilddrüsenhormon) bei schilddrüsengesunden Hunden unter den Referenzbereich drücken können. Aufgrund dieses sogenannten „Euthyroid-Sick-Syndroms“ ist die Hypothyreose eine der am meisten überdiagnostizierten Erkrankungen des Hundes. In der Diagnose bestätigt fühlen sich die Besitzer dann, wenn die Hunde unter der Therapie mit Levothyroxin (synthetisches Schilddrüsenhormon) lebhafter werden, abnehmen oder das Fell dichter wird. Kaum einem Besitzer ist bewusst, dass dieser „Erfolg“ in der Regel auch beim schilddrüsengesunden Hund eintritt.

Welche Auswirkungen hat die Unterfunktion der Schilddrüse auf den davon betroffenen Vierbeiner?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Typische körperliche, aber keineswegs bei jedem Patienten zu beobachtende Symptome sind Gewichtszunahme, körperliche und geistige Trägheit, Muskelschwäche, haarlose Stellen im Bereich des Nasenrückens, am Schwanz, seitlich am Rumpf und im Halsbandbereich, ein stumpfes oder fettiges Haarkleid, chronische nicht abheilende Entzündungen der Haut und ein sogenannter „tragischer“ Gesichtseindruck durch Einlagerungen von hygroskopischer (wasserbindender) Hyaluronsäure in die Unterhaut.

Beeinflusst der Mangel an Schilddrüsenhormonen auch das Verhalten? Und bei welchen Verhaltensauffälligkeiten sollte man an ein Schilddrüsenproblem denken anstatt den Hund als verhaltensgestört oder schlimm abzutun?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Ja, die Möglichkeit besteht. Ich werde in letzter Zeit immer häufiger mit verhaltensauffälligen Hunden und der Bitte um Schilddrüsenabklärung konfrontiert. Die wenigsten dieser Hunde zeigen andere Symptome einer Hypothyreose. Die meisten haben intensive, aber wenig erfolgreiche Verhaltenstherapien hinter sich, und die Besitzer setzen ihre letzten Hoffnungen in die Möglichkeit eines endokrinen Problems. Der theoretische Hintergrund ist der bekannte Einfluss der Schilddrüsenhormone auf das Verhalten und die Stimmung beim Menschen und den bekannten Effekt der Schilddrüsenhormonsubstitution bei affektiven Störungen wie Manie, Depression und bipolaren Episoden. Verhaltensveränderungen, die in der veterinärmedizinischen Fachliteratur mit Hypothyreose assoziiert wurden, sind neben der typischen mentalen Trägheit Aggressivität (primär gegen den Besitzer), Ängstlichkeit, Unterwürfigkeit, Geräusche- und Sturmphobien, Trennungsängste, Hyperaktivität, Konzentrationsschwierigkeiten und kompulsives Verhalten. Da größere Studien fehlen, beziehen sich die Autoren ausschließlich auf eigene Beobachtungen, Anekdoten und mehr oder weniger gut dokumentierte Fallberichte. Der Fall, an den ich mich am besten erinnere, war eine junge English Setter Hündin, die im Urlaub plötzlich extrem ängstlich wurde und das Haus nicht mehr verlassen wollte. Während bei diesem Setter eindeutig die Diagnose Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) gestellt werden konnte und sich das Verhalten nach Therapiebeginn komplett normalisierte, reagieren die meisten mir überwiesenen „verhaltensauffälligen“ Patienten in den Tests leider negativ. Das bedeutet, dass sich die Hoffnung der Hundebesitzer auf ein endokrines und damit gut behandelbares Problem selten erfüllt.

Welchen Stellenwert hat die Schilddrüsenunterfunktion beim Entstehen von aggressivem Verhalten?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Die Bedeutung der Hypothyreose bei aggressivem Verhalten wurde in den letzten Jahren besonders intensiv diskutiert. Grundsätzlich muss man hier betonen, dass in einer der wenigen Studien bei keinem einzigen der untersuchten aggressiven Hunde ein mit Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) übereinstimmendes Hormonprofil gefunden wurde. Nichtsdestotrotz ist aus der Verhaltenstherapie bekannt, dass manche dieser Patienten positiv auf die Gabe von Schilddrüsenhormonen reagieren. Die große Frage ist natürlich, inwiefern es sich hierbei um einen Placeboeffekt handelt. Dagegen spricht eine relativ aktuelle placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2013. An dieser Studie nahmen 29 Hunde mit aggressivem Verhalten (mehr als 3 Episoden/Woche) und niedrigen oder grenzwertig niedrigen Thyroxin (T4)-Werten teil. Eine genaue klinische Abklärung der Schilddrüsenfunktion fand nicht statt. Die Hunde wurden auf zwei Gruppen aufgeteilt und beide erhielten täglich entweder Schilddrüsenhormone oder ein Placebo. Weder die behandelnden Ärzte noch die Besitzer wurden über den Inhalt der verabreichten Kapseln informiert. Am Ende der Studie nach 6 Wochen kam es zu einer signifikanten Verbesserung in beiden Gruppen (deutlicher Placeboeffekt!), die Anzahl der Aggressionsepisoden war aber in der Hormongruppe signifikant niedriger als in der Placebogruppe. Die Gruppe mit Hormonersatztherapie hatte also offensichtlich von der Levothyroxingabe profitiert.

Wie gehen Sie vor, wenn Ihnen aggressive Hunde vorgestellt werden und wie kann man eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostizieren?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Aufgrund der Ergebnisse der oben genannten Studie ist meine Vorgangsweise bei aggressiven Hunden momentan sehr pragmatisch. In jedem Fall empfehle ich die Konsultation eines Verhaltenstherapeuten/in. Nach einer genauen klinischen Untersuchung, die auch das Abtasten des Schilddrüsenbereichs beinhaltet, ist der erste Schritt der Diagnostik eine Blutuntersuchung. Diese beinhaltet in der Regel auch schon basale Hormonmessungen. Bei Schilddrüsenunterfunktion typisch, aber keinesfalls regelmäßig zu beobachtende Blutveränderungen sind erhöhte Nüchterncholesterinwerte, Muskel- und Leberwerterhöhungen, hohe Fruktosaminkonzentrationen bei normaler Blutglukose und eine nicht-regenerative Anämie (Blutarmut). Die hormonelle Abklärung umfasst die Bestimmung der Konzentration des Schilddrüsenhormons Thyroxin (T4), des freien Thyroxin mit Dialyse und des die Schilddrüse stimulierenden Hormons (TSH). Wenn es die Finanzen des Tierhalters erlauben inkludiere ich auch die Bestimmung der Thyroglobulin-Autoantikörper. Ein erhöhtes TSH bei erniedrigten T4-Werten spricht für das Vorliegen einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion).

Bei etwa 30% der Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion liegt der TSH-Wert jedoch im Referenzbereich. In so einem Fall empfehle ich den TSH-Stimulationstest. Dieser Test dauert 6 Stunden und gilt nach wie vor als der Goldstandard. Das dafür notwendige humane rekombinante TSH ist zwar sehr teuer, eine Ampulle kann aber für mehrere Hunde verwendet werden. Die angemischte Lösung ist eingefroren mindestens 3 Monate haltbar. Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet.

Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Wird eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) diagnostiziert, so beginne ich die Hormonersatztherapie und führe diese auch dann weiter, wenn sich der erhoffte Effekt auf das Verhalten nicht einstellt. Konnte eine manifeste Hypothyreose als Ursache des Problems ausgeschlossen werden, so bleibt immer noch der Therapieversuch mit dem Medikament Levothyroxin, einem synthetischen Schilddrüsenhormon, über mehrere Wochen unter Aufsicht eines Verhaltenstherapeuten. In diesem Fall muss aber klar kommuniziert werden, dass es sich „nicht“ um eine Substitutionstherapie handelt, und die Gabe „nur“ bei einer signifikanten Verbesserung des Verhaltensproblems weitergeführt werden soll. Beim Absetzen der Hormongaben ist aber zu bedenken, dass es aufgrund des negativen Rückkopplungseffektes einige Zeit dauert, bis eine normale körpereigene Hormonproduktion wieder aufgenommen wird.

Herr Dozent Zeugswetter, habe ich Sie richtig verstanden, dass auch bei Verhaltensstörungen, die eindeutig durch eine Schilddrüsenunterfunktion hervorgerufen wurden, bei der Behandlung nicht auf die Verhaltenstherapie verzichtet werden darf?

Priv. Doz. Dr. Zeugswetter: Sie haben mich richtig verstanden: Eine Medikation ersetzt nicht die Verhaltenstherapie, die Kombination führt zum Erfolg.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Hannelore Mezei