Zappel- Bello?

Krankhafte Hyperaktivität auch bei Hunden möglich

Die Diagnose „Hyperaktivität“ ist bei einem Kind schon extrem schwierig. Ist es nur besonders lebhaft, muss es am besten viel öfter auf Bäume klettern, mit Freunden raufen, Wettrennen bestreiten und Löcher buddeln? So wie Michel von Lönneberga im bekannten Kinderbuch von Astrid Lindgreen? Oder braucht es tatsächlich die Hilfe eines Medikaments, das es ihm möglich macht, mit Freunden lustige Sachen zu unternehmen, sich in der Schule konzentrieren zu können oder auch einfach zu faulenzen? Darüber urteilen am besten die Fachärzte.
Aber auch unter unseren Hunden gibt es gelegentlich echte Nervensägen. Kann deren Hyperaktivität krankhaft sein?
Neues Betätigungsfeld
für die Tiermedizin

Das Phänomen der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung, besser bekannt unter der Abkürzung ADHS (früher als Zappelphilipp-Syndrom bezeichnet) macht auch vor der Veterinärmedizin nicht halt. Schon in den 1970er Jahren wurde eine „canine Hyperkinese“ mit etlichen körperlichen Symptomen beschrieben. Dazu zählen eine erhöhte Herzfrequenz, hektisches Hecheln, die Tiere speicheln stärker, haben mehr Hunger und sind einfach nicht in der Lage, sich vollständig zu entspannen. Auf diese Weise gestresste Hunde gab es damals, und es gibt sie bis heute. Kein Problem, möchte man zunächst meinen. Etwas mehr Auslauf, und das Problem ist gelöst. Ganz so einfach ist es aber nicht. Ein hyperaktiver Hund kann sich selbst, vor allem aber sein Umfeld, an den Rand der Verzweiflung bringen:
Man stelle sich folgende Situation vor: Bei einer jungen Familie mit zwei Kindern ist ein Welpe eingezogen. Er ist quirlig, agil und lebendig, wie man es sich von einem jungen Hund wünscht. Doch als der Vierbeiner ein Jahr alt ist, rennt er nur noch in der Wohnung auf und ab, geht über Tische und Bänke, hat permanent gespitzte Ohren, damit ihm kein Geräusch entgeht, er zerlegt Polster und schaukelt in den Vorhängen. Aus der Hundeschule ist der Vierbeiner rausgeflogen, weil er nicht in der Lage war, auch nur ein einziges Kommando aufzunehmen. Konzentrationsfähigkeit gleich null. Die erhoffte Freundschaft zwischen Kindern und Hund entwickelt sich zunehmend schlechter, weil der tierische Gefährte permanent jemanden über den Haufen rennt und selbst beim Stöckchenwerfen keine drei Minuten bei der Sache sein kann. Die Besitzer sind verzweifelt und sehen sich sogar mit der Frage konfrontiert, das Tier abzugeben. Im Grunde ihres Herzens wollen sie das aber nicht. Guter Rat ist teuer, wenn so ein Zappelhund in der Wohnung wütet!

Vierbeiner immer häufiger überreizt und gestresst

Auf Verhalten spezialisierte Tierärzte stellen fest, dass die Zahl überreizter und gestresster Hunde zunimmt. „Die sind doch alle unterfordert“, möchte man hausverstandsgemäß urteilen. Kann sein, muss aber nicht. Das Tier könnte Schmerzen haben oder in einer Umgebung leben, die es durch unangenehme Reize, beispielsweise Gerüche, ständig aus der Ruhe bringt. Auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse kann die Ursache sein. Gründe für das Zappelhunddasein liegen mitunter auch in der frühen Kindheit, wenn das Muttertier schon unter Dauerstress litt. Auch die Gene stehen unter Verdacht. Zudem werden immer mehr Hunde gehalten, und die Tierärzte sind sensibler geworden für auffälliges Verhalten. Was neu als mögliche Ursache hinzukommt: Viele Hunde sind nicht unter-, sondern überfordert. Spaziergang, Schwimmstunde, Hundeschule, Spielgruppe, Frisbee, Agility, Mantrailing – mancher Hund hat einen Terminkalender, der so voll ist wie der eines Profisportlers. Diese Hunde können ohne Hilfe gar nicht mehr von ihrem hohen Aktivitätslevel herunterkommen. Massagemethoden wie Tellington Touch müssen her, um ihnen beim Entspannen zu helfen.

„Zappelphilipp-Syndrom“ bei einer Weimaranerhündin

Pasquale Piturru, ein Tierarzt aus Pinneberg in Deutschland berichtet über den Fall einer hyperaktiven Weimeranerhündin. Sie war in einem Alter von zehn Monaten bei ihm vorgestellt worden. Ihre Besitzerin klagte über die Unruhe des Vierbeiners, über unerwartete und für die Situationen unpassende Reaktionen und über Konzentrationsprobleme der Hündin. Insgesamt war das Zusammenleben mit dem Vierbeiner von einer Herausforderung zu einer Zumutung geworden. Auch Piturru dachte zuerst an Unterbeschäftigung. Doch eine genaue Analyse des Alltags brachte keine weiteren Hinweise darauf. Piturru: „Die Besitzerin bot dem Tier der Rasse und dem Alter entsprechend genügend Auslauf und Beschäftigung.“ Also stand die Schilddrüse unter Verdacht, denn wenn sie zu große Mengen an Hormonen ausschüttet, kann es ebenfalls zu Hyperaktivität kommen. Wieder Fehlanzeige. Die Untersuchung der Schilddrüsenhormone ergab keine Auffälligkeiten.

Verhaltenstherapie ohne Erfolg

Der Tierarzt leitete eine Verhaltenstherapie ein. Sie hatte drei Ziele:
Erstens: den Hund nochmals sanft und positiv mit vielen Menschen und Artgenossen zu konfrontieren, um auszuschließen, dass schlechte Erfahrungen in den ersten Lebenswochen als Auslöser für das hektische Verhalten infrage kamen.
Zweitens: eine neuerliche Gewöhnung an alle Dinge des täglichen Lebens, vom Staubsauger bis zum Autolärm auf dem Gehsteig.
Drittens: eine noch intensivere und artgerechte Beschäftigung, die speziell auf ADHS-Verdachtsfälle ausgerichtet ist und unter anderem auf folgenden allgemeinen Trainingsstrategien basiert:

1 Kleine Belohnungsintervalle
2 Viel Ruhe vom Hundeführer
3 Klare Rituale für „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“
4 Gut strukturiertes Training
5 Belohnungen nicht mit zu hoher Emotionalität verstärken.

Die hyperaktive Hündin absolvierte das Programm bei einer professionellen Therapeutin. Dennoch: Das Ergebnis fiel in diesem Fall ernüchternd aus, denn das zappelige Verhalten hatte sich trotz des akribisch erarbeiteten, intensiven Trainingsprogramms in keiner Weise verbessert.

Heilung durch medikamentöse Therapie

Erst jetzt wurde erstmals der Einsatz von Medikamenten diskutiert. Piturru
entschied sich für Fluoxetin, einen Wirkstoff mit folgenden Anwendungsgebieten: Hyperaktivität, Aggression, Angststörungen, Impulsivität, stereotypisches Verhalten und Depression. Frustrierendes Ergebnis der Therapie nach 20 Tagen: Keine Veränderung des hyperaktiven Verhaltens. Nun griff Piturru zu einem Mittel, das durch den Einsatz bei zappeligen und unkonzentrierten Kindern bekannt geworden ist: Der Wirkstoff dieses Medikaments ist
Methylphenidat (Ritalin).

Unter Anwendung dieses Medikaments passierte Verblüffendes, und schon nach weniger als drei Tagen konnte die Besitzerin der Hündin ihr Glück kaum fassen: Das Tier war ruhig, ausgeglichen und zeigte erstmals sogenanntes normales Verhalten. Nach einer Woche wurde die Weimeraner-Dame erneut auffällig, weshalb Piturru die Methylphenidat-Dosis erhöhte. Er schreibt: „Damit normalisierte sich das Verhalten der Hündin wieder. Sie wurde konzentrations- und aufnahmefähig und konnte weiter am Training in einer Hundeschule teilnehmen.“ Das positive neue Verhalten wurde zusätzlich mit einem Pheromonhalsband, das für eine Wohlfühlatmosphäre sorgen soll, unterstützt.
Nach etwa einem halben Jahr reduzierte der Tierarzt die Metylphenidat-Dosis. Das war kein Problem, die Hündin benahm sich weiterhin wie gewünscht. Nach neun Monaten konnte das Medikament über drei Wochen hinweg langsam abgesetzt werden. Weitere drei Monate später wurden auch die Pheromone abgesetzt. Die Hündin war und blieb ausgeglichen und normal. Selbst fünf Jahre später hatte sich daran nichts geändert.

Ritalin als Allheilmittel bei stürmischen Hunden?

Gewiss nicht. Aber es kann in seltenen und extremen Fällen offenbar helfen, mit dem Tier ein normales Training und gängige Kommandos zu absolvieren. Doch Vorsicht: Tabletten allein sind nicht der Schlüssel zum Erfolg. Ohne konsequentes Üben und positive Rituale geht gar nichts. Eine Therapie sollte nie ausschließlich mit Medikamenten erfolgen, sondern parallel dazu immer mit Verhaltenstraining.

Trotz dieses besonderen Falles steht auch für Pasquale Piturru fest, dass es sich bei hyperaktiven Hunden meistens um unterbeschäftigte Tiere handelt, die sich mit einer Verhaltenstherapie allein erfolgreich behandeln lassen.

Von Tierärztin Tanja Warter